L'heure d'été - Kinostart am 23. Januar 2009

L'heure d'été"L'heure d'été" heißt der neue Film von Regisseur und Drehbuchschreiber Olivier Assayas, der einer größeren Mehrheit am ehesten noch durch seinen Beitrag "Quatier des Enfants Rouges" zum Episodenfilm "Paris, je t'aime" bekannt sein dürfte.  So war auch "L'heure d'été" ursprünglich als Kurzfilm geplant, doch Assayas bemerkte bald, dass er mehr aus seinem gewählten Thema herausholen wollte als zwanzig Minuten und entschied sich deshalb, sein Drehbuch zu überarbeiten. Das Resultat: ein Film wie ein Roman, dessen politische Botschaft ein wenig deplatziert wirkt.

Hélène (Edith Scobel) feiert ihren 75. Geburtstag. Ihr Leben hat sie der Bewahrung des Nachlasses ihres Onkels, eines berühmten Malers und Kunstsammlers, gewidmet. Und so feiern sie und ihre drei erwachsenen Kinder samt Familie nun gemeinsam in dem Haus vor Paris, dass der Onkel einst bewohnt und Hélène vererbt hat.
Wenige Monate später ist Hélène tot. Ihre drei Kinder, die Söhne Frédéric (Charles Berling) und Jérémie (Jérémie Renier) und die Tochter Adrienne (Juliette Binoche), sehen sich auf einmal vor die Frage gestellt, was sie mit dem riesigen Erbe anstellen sollen. Während Frédéric das Haus behalten und an die nächste Generation weitergeben will, haben seine Geschwister kein Interesse daran, es zu behalten. Sie leben beide im Ausland, Jérémie in China und Adrienne in den USA, und wollen nicht zurück nach Frankreich.  Das Erbe wird verkauft und es kommt zur schmerzhaften Auflösung des elterlichen Haushaltes...
Was Assayas Film wirklich sehenswert macht, ist die gelungene Inszenierung. So versucht der Regisseur aufzuzeigen, wie sehr unsere familiäre Bande im Erwachsenenalter heute schon durch die Globalisierung auf eine harte Probe gestellt werden. Es ist nicht so, dass es unter den drei gezeigten Geschwistern keinen Zusammenhalt oder eine schlechte Beziehung zueinander geben würde, doch haben sie alle drei ihren Lebensmittelpunkt in einem anderen Land und sind somit selten gemeinsam zu sehen. Ihre Leben verlaufen parallel zueinander.
So hüpfen Renier und Binoche praktisch nur durch den Bildschirm, sie sind immer am Absprung nach China bzw. New York. Wesentlich mehr Präsenz hat da Berling, der als ältester Bruder Frédéric als Einziger noch in Paris wohnt. Er ist auch der, der am meisten an dem geerbten Haus hängt und das Erbe und dadurch die Familie zusammenhalten will. An ihm wird am schmerzlichsten deutlich, wie die Erkenntnis, dass die Zeit der Kindheit mit dem Tod beider Elternteile endgültig vorbei ist, an einem Menschen nagen kann.
Am schönsten ist Assayas Film aber dann, wenn er seine Figuren ganz allein dem Bildschirm und der Situation überlässt. Wenn die Enkeltochter Hélènes ein letzes Mal durch den Garten geht oder Hélène selbst allein durch das große Haus im Halbdunkel streift, wird die Trauer über die unabwendbare Vergänglichkeit von Besitz besonders deutlich. Ein Schlüsselsatz des Films stammt von Hélène selbst, wenn sie sagt: "Wenn ich weg bin, wird all das verschwinden, all diese Gegenstände, all diese kleinen, unwichtigen Erinnerungen... Ich will nicht, dass sie für sie [= die Kinder] eine Last sind..."
Das Assayas in seinen Interviews jedoch stets die politische Botschaft von den "L'heure d'été" in den Vordergrund stellt, ist nach dem Kinobesuch schwer nachvollziehbar. Assayas hat eine gute Bestandaufnahme über die Situation des Erbens und des Zerbrechens der kindlichen, geschwisterlichen Einheit gedreht, als politisches Kino funktioniert "L'heure d'été" jedoch nicht. Dazu ist der Film zu sehr Darsteller- und Autorenkino - und die politische Botschaft wirkt im Nachhinein etwas aufgesetzt. Trotzdem ist "L'heure d'été" ein sehr sehenswerter und stiller Film, dessen Realitätsnähe einen dann doch ein wenig melancholisch gestimmt das Kino verlassen lässt.